EINFÜHRUNG ZUM KONZERT

„Wer Dich sucht, hat Dich schon gefunden“

Diese Worte des polnischen Dichters Leopold Staff (1878-1957) in der Vertonung von Józef Świder (1930-2015) stehen nicht nur am Beginn der Konzerte, die den Abschluss unseres deutsch-polnischen Projektes bilden, sie können auch als Leitgedanke der aufgeführten Werke gelesen werden.

Johannes Brahms fand für sein Requiem-Libretto Bibelworte fernab des kirchlichen Dogmas, in denen seine persönliche und künstlerische Sicht auf die „letzten Dinge“ aufscheint; dabei war er mit Anfang dreißig noch ein junger Mann. Das Werk bedeutete seinen Durchbruch als Komponist und ist bis heute eines der meist aufgeführten sinfonischen Chorwerke, hat also universellen Charakter und berührt Menschen unabhängig von ihrem weltanschaulichen Hintergrund.

Alle Komponisten der Romantik waren Suchende in einer Welt, die aus den Fugen geriet. Sie bewegten sich im Zwischenbereich von Schmerz und Liebe, Tod und Erfüllung. Kein Wunder, war doch das spätere 19. Jahrhundert eine Epoche rasanter Veränderungen angesichts der Evolutionstheorie, Religionskritik, der Industrialisierung und der Gründung der Nationalstaaten.

Religion wurde besonders in gebildeten Kreisen weitgehend der Privatsphäre zugeordnet, Natur oder Kunst wurden zu Ersatzreligionen. Brahms verstand die Bibel mehr als Dichtung, denn als göttliche Offenbarung, sie war für ihn ein Steinbruch, dem er Teile entnahm, die seinem Glauben entsprachen und ihn als Komponisten inspirierten — ganz anders als Liszt und vor allem Bruckner, die einem von Rom betriebenen restaurativen Katholizismus verbunden waren.

Ein deutsches Requiem bedeutet nur eine subjektive Möglichkeit unter vielen. Die heterogene Textauswahl ist sehr geschickt zusammengefügt, wobei sprechend ist, welche Textpassagen Brahms vermeidet. Besonders der fehlende Bezug auf den Erlösungstod Jesu, auf Sünde, Strafe, Opfer und Schreckensbilder, die andere Komponisten gerade inspirierten, wurde schon zur Entstehungszeit diskutiert. Daher wurden bei der Bremer Uraufführung am Karfreitag 1868 nach dem dritten Satz Stücke eingefügt, die überhaupt erst eine spezifisch christliche Lesart ermöglichen und damit die empfundenen Leerstellen ausfüllen sollten, u.a. Sätze aus Händels Messias (Ich weiß, dass mein Erlöser lebt; Halleluja). Der fünfte Satz des Requiems fehlte bei dieser Aufführung. Möglicherweise erschien er zu persönlich eingefärbt und daher unpassend für den liturgischen Rahmen, denn die Sopranistin verkörpert hier eine mütterlich tröstende Figur. Fraglich ist, wer hier eigentlich spricht, es handelt sich wohl nicht um Gottes-, Christus- oder Marienworte. Singt hier eine verstorbene Seele?

1869 wurde das Werk erstmals mit sieben Sätzen vollständig aufgeführt, wodurch sich ein spiegelsymmetrischer Werkaufbau mit den musikalisch und textlich korrespondierenden Sätzen 1/7, 2/6, 3/5 mit dem vierten Satz als fast dissonanzfreie Paradies-Vision in der Mitte ergibt. Im Beginn des 1. Satzes und im Trauermarsch des 2. Satzes verbirgt sich laut Brahms ein „bekannter Choral“. Möglicherweise handelt es sich dabei um „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ oder das Volkslied „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“. Am Ende des 3. Satzes kombiniert Brahms als musikalische Interpretation der Bibelstelle höchst eigenwillig Fuge (die auf Entwicklung zielt) und Orgelpunkt (ein dauerhaft gehaltener Basston). Auch die Instrumentierung des Requiems ist ungewöhnlich. Im ersten Satz schweigen die Violinen, ähnlich wie in den Requiem-Vertonungen von Fauré und Cherubini, den Brahms sehr verehrte. In den Sätzen 1, 2 und 4 setzt Brahms die Harfe ein, die für ihn offenbar eine dem Werk besonders angemessene Klangfarbe hat, fehlt sie doch in seinen vier Symphonien. Vom ersten zum siebten Satz spannt sich vom ersten bis zum letzten „selig“ ein Bogen — die Trauernden können ihre Seligkeit darin finden, dass sie die Toten in Seligkeit wissen.

Brahms schrieb in einem Brief, er wüsste das „Deutsch“ im Titel gern durch „den Menschen“ ersetzt, allein, die Rezeptionsgeschichte spricht eine andere Sprache. Preußen besiegte Frankreich in den Einigungskriegen (1864-1871) und im Spiegelsaal von Versailles fand die Kaiserproklamation statt. Schon bald wurden Aufführungen des Requiems, auch unter Brahms‘ Leitung, dem Gedenken an die gefallenen Helden gewidmet. Die Nationenbildung bestimmte politisches Handeln in ganz Europa. Leidtragende dieser Entwicklung waren die kleinen Völker und besonders hart traf es im 19. Jahrhundert Polen, das zwischen Preußen, Österreich-Ungarn und Russland aufgeteilt wurde. Erst 1918, im Zuge der Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg, erlangte Polen seine Unabhängigkeit wieder. Mit dem deutschen Überfall auf Polen 1939 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs fand die gewonnene Freiheit ein jähes Ende, Polen war Verlierer zwischen den totalitären Großmächten Deutschland und der Sowjetunion. Leid und Mord in Auschwitz und an anderen Schreckensorten stellen ein bis heute nicht überwundenes Trauma dar.

Die Tatsache, dass schon bei den Uraufführungen Sätze in das Requiem eingeschoben wurden und das Werk trotz seiner äußeren Geschlossenheit einen wechselvollen Entstehungsprozess durchlief, war und ist bei vielen Aufführungen Legitimation dafür, das deutsche Requiem mit anderen Stücken zu konfrontieren. Wir stellen es in den Kontext unseres deutsch-polnischen Projekts mit dem anfangs genannten Stück von Jósef Świder und einem Werk des zeitgenössischen Komponisten Paweł Łukaszewski (*1968). Der von ihm vertonte letzte Brief des Heiligen Maximilian Maria Kolbe (Geburtsname Rajmund Kolbe) an seine Mutter ist ein bewegendes Zeugnis von Zuversicht angesichts der deutschen Gewaltherrschaft in Polen und des allgegenwärtigen Todes. Kolbe hatte sich als Ordensbruder und Missionar im Widerstand gegen die Nationalsozialisten betätigt und Juden und anderen Verfolgten Zuflucht gewährt. Aus diesen Gründen wurde er von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz verschleppt. Bei einer Vergeltungsaktion der KZ-Aufseher bot er sich zum Tausch für einen mit inhaftierten Familienvater an. Nach zwei Wochen in der Hungerzelle wurde er am 14. August 1941 durch eine Giftinjektion ermordet.

Bei einem Projekt mit über 120 Mitwirkenden (nicht nur) aus Deutschland und Polen steht die Suche nach dem im Vordergrund, was uns in Zeiten einer drohenden erneuten Spaltung verbindet. In der Projektarbeit hat sich für mich frei nach dem eingangs zitierten Wort bestätigt: Wer diesen Weg beschreitet, ist schon am Ziel.

Johannes Stolte

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