ZUM SOMMERKONZERT „DES MENSCHEN SEELE …“

Unter den programmatischen Goethe-Versen „Des Menschen Seele gleicht dem Wasser…“ stehen die Konzerte der Cantorei der Reformationskirche Berlin-Moabit rund um das nasse Element.

Wasser in seinen vielfältigen Erscheinungsformen und seiner Ambivalenz fasziniert seit jeher: Es ist die Grundlage allen Lebens – doch zu viel oder zu wenig davon sind lebensbedrohlich. Wasser ist allgegenwärtig, normalerweise denkt man nicht darüber nach – tut man es aber doch, erscheint es rätselhaft, unergründlich und unberechenbar.

Seit Jahrtausenden versuchen Menschen, das Wasser zu beherrschen, sie befahren das Meer mit Schiffen, legen Bewässerungsgräben an, bauen Brunnen, Brücken, Dämme. Aber Wasser ist nur in engen Grenzen kontrollierbar und selbst ein kleiner Eingriff in den sensiblen Kreislauf kann weitreichende Folgen haben. Kein Wunder also, dass Wasser auch in Religion und Spiritualität eine zentrale Rolle spielt:

In seinen vielen Facetten kann es sinnbildlich für göttliche Präsenz stehen, für Werden und Vergehen, für spirituelle Reinigung, auch für die menschliche Seele überhaupt. Die Nähe zum Wasser, etwa in Gestalt von Meer, Fluss oder Quelle, öffnet unseren Geist und lässt uns gleichzeitig zur Ruhe kommen. Dieses Ziel verfolgt auch unser Konzertprogramm, das den verschiedenen Sicht- und Hörweisen auf das Wasser Raum geben soll.

Wie tief die einzelnen Werke sich mit dem Element Wasser auseinandersetzen, ist dabei höchst unterschiedlich: In den Chorballaden „Die Wasserfee“ und „Das Schloss am Meer“ des liechtensteinisch-deutschen Komponisten Josef Gabriel Rheinberger ist das Wasser vor allem ein atmosphärisches Hintergrundrauschen für romantische Stimmungsmusik im besten Sinne; in der Goethe-Vertonung des von Goethe selbst sehr geschätzten Thomaskantors Johann Adam Hiller oder den beiden Sätzen von Edward Elgar wird es dagegen selbst zum Gegenstand intensiver Betrachtung und Deutung. In den beiden Vertonungen des 42. Psalms des italienischen Renaissancemeisters Giovanni Pierluigi da Palestrina und des aus Estland stammenden und in Berlin wirkenden Rudolf Tobias wird der Wasserdurst in der Wüste zum Sinnbild für die Suche nach Gott.

Auch Tränen sind Wasser in einer sehr besonderen Gestalt; ihnen ist der Mittelteil des Programms mit englischen Stücken sowie einem Satz des finnischen Komponisten Jean Sibelius gewidmet.

Claus-Steffen Mahnkopfs Stück „mehr wasser“, öffnet eine andere Klangwelt, in der die Kraft und typischen Geräusche des Wassers – vom Murmeln über das Brodeln hin zum Zischen – vom Chor mit sprachlichen Mitteln plastisch dargestellt werden. Der Werktext, eher eine babylonische Sprachverwirrung, setzt sich dabei aus den Bezeichnungen für „Wasser“ in 40 verschiedenen Sprachen zusammen und erhält damit auch eine politische Komponente.

Gerahmt wird das Konzert durch den mittelalterlichen Hymnus „Ave maris stella“, zu Beginn in der gregorianischen Originalgestalt, zum Abschluss in einer Vertonung des norwegischen Komponisten Edvard Grieg. Angesprochen ist hier die Mutter Jesu Maria als „Stern des Meeres“. Unter diesem Ehrentitel ist Maria Schutzpatronin der Seeleute, weshalb sich in Küstennähe häufig Kirchen mit diesem Namen finden. Der Hymnus ist gleichzeitig eine Bitte um Beistand für die einzelne Seele im „Meer des Lebens“ und daher auch ein wunderbarer Reisesegen zum Ende des Konzertes.

Johannes Stolte

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