DIE GEBURT CHRISTI — ORATORIUM VON HEINRICH VON HERZOGENBERG

Cantorei der Reformationskirche
Leitung: Caspar Wein

NEU Livestream auf YouTube: https://youtu.be/-HQ6gdoYjig

 Zum Download: Programmheft

Mitwirkende: Sopran: Johanna Knauth; Alt: Elisabeth Stützer; Tenor: Ferdinand Keller; Bass: Marcel Raschke

Berliner Mädchenchor (Einstudierung: Juliane Roever); Orchester: Ensemble Reformation

Sonntag, 28. November 2021 (1. Advent), 18 Uhr. Eintritt frei. Spenden erbeten.

Es gilt die 2G-Regel. Besucher werden gebeten Impf- oder Genesenennachweis als QR-Code sowie den Personalausweis am Einlass vorzulegen.

Reformationskirche, Beusselstraße 35, 10553 Berlin (Ringbahn S 41/42; Bus 123, 106)

HERZOGENBERG: DIE GEBURT CHRISTI – EINE EINFÜHRUNG VON CASPAR WEIN (aus dem Programmheft)

Heinrich von Herzogenbergs Weihnachtsoratorium ist ein besonderes Kleinod der geistlichen Musik und eine berührende Einstimmung in die christliche Advents- und Weihnachtszeit. Das Libretto setzt im Alten Testament ein („So sprach der Herr zur Schlange“) und führt uns nach kurzen Reminiszenzen auf den Sündenfall und verschiedene Verheißungen durch den Advent zu Weihnachten.

Die Handlung ist klar in drei Teile gegliedert: Auf die Verkündigung durch alttestamentarische Verheißungen und Marias Begegnung mit dem Engel folgt die Erfüllung in der Geburt Christi. Am Schluss steht die Anbetung durch die Hirten. Der Schlusschor „Also hat Gott die Welt geliebt (…)“ deutet dabei schon auf Auferstehung und Erlösung hin. In der kreuzreichen Klangwelt von H-Dur schaut Herzogenberg mit uns auf Passion und Ostern voraus; „(…) dass er seinen eingebornen Sohn gab“ meint eben nicht nur die Geburt zu Weihnachten. Vielmehr ist die Weihnachtsgeschichte auch bei Herzogenberg Voraussetzung für das Kreuzesopfer zur Vergebung aller Sünden. Dieses „Kirchenoratorium“ hat also trotz der erfrischenden Kürze den gesamten Weg zur Erlösung im Blick.

Mit fast schon modernem Gestus bezieht Herzogenbergs Werk auch das Publikum ein und durchbricht die strikte Trennung von Aufführenden und Gemeinde: Es versteht sich als Singspiel für die und mit der Gemeinde. Bekannte Choralmelodien dürfen die Zuhörerinnen und Zuhörer ausdrücklich mitsingen — was wir hoffentlich auch heute im Konzert realisieren können.

Herzogenbergs Tonsprache ist dabei längst nicht so „modern“, wie man es 1894 erwarten könnte, wenn man etwa an Wagner oder auch Herzogenbergs Freund Johannes Brahms denkt. Bis auf wenige Wendungen und Progressionen begegnet er uns eher als neo-barocker denn als spätromantischer Komponist. Natürlich schwingt Bachs berühmtes Weihnachtsoratorium bei Herzogenberg im Hintergrund mit, vor allem in der Verwendung von Chorälen und Rezitativen. Arien im eigentlichen Sinne gibt es nicht; die Musik fokussiert sich auf die biblischen Texte und kommentiert die Handlung lediglich durch bekannte Choräle, Weihnachtslieder und Melodie-Zitate der Zeit. Reflexion und Emotionalität werden nicht durch Solisten vorexerziert, sondern bleiben dem hörenden Individuum überlassen. Überbordende Emotion scheint Herzogenberg nicht zu suchen – die Musik bleibt kontrolliert und aufgeräumt.

Diese Musik drängt sich nicht auf sondern lädt viel mehr zur Teilhabe ein. Die Besetzung des Stückes ist auf Wunsch von Herzogenbergs Freund Friedrich Spitta (damals Professor für evangelische Theologie in Straßburg), der sowohl Auftraggeber als auch Librettist dieses kurzen Oratoriums ist, sehr klein gehalten. Mit Chor, Solisten, Streichquintett, Oboe sowie Harmonium und Orgel soll das Werk für möglichst alle Gemeinden realisierbar sein. So wäre die Klangsprache der romantischen Symphonik nicht nur Herzogenbergs konzeptioneller Idee zu Folge unpassend, sondern hätte sich schon der kleinen Besetzung wegen disqualifiziert.

Was dieses Werk dennoch so berührend macht, lässt sich nur schwer erfassen. Vielleicht ist es der Verzicht auf die sprichwörtlichen Pauken und Trompeten? Das Christkind erblickt nicht in einem Palast, sondern einem Stall, bei „einfachen“ Menschen, das Licht der Welt. Die vertrauensvolle Umgebung, das Gefühl der Nähe, das Wunder in dieser Geburt – all das lässt sich in diesem Werk erspüren.

1843 in Graz als Sohn einer aus Frankreich eingewanderten Familie geboren, studierte Leopold Heinrich Freiherr von Herzogenberg Picot de Peccaduc Jura, Staatswissenschaften und Philosophie und erwarb eine umfassende Bildung auch auf anderen Wissensgebieten sowie der Kunst und Musik. Mit 19 Jahren legte er sich auf die Musik fest und ging als Kompositionsschüler von Felix Otto Dessoff an das Wiener Konservatorium, wo er Johannes Brahms kennenlernte.

Zwei Jahre später komponierte er seine ersten Lieder und Klavierstücke. Da er durch seine Familie finanziell abgesichert war, konnte er sich ganz seiner künstlerischen Arbeit widmen. 1864 heiratete er die Pianistin und Komponistin Elisabeth von Stockhausen. Das Ehepaar siedelte nach einigen Jahren in Graz – wegen der engen musikalischen Verhältnisse dort – nach Leipzig über, wo Herzogenberg zu den Förderern Bach’scher Musik gehörte. Später wurde er an die Hochschule für Musik nach Berlin berufen.

1892 schwer vom Tod seiner Frau getroffen, widmete sich der Katholik von da an mit ganzer Kraft evangelischer Kirchenmusik. Seine bedeutendsten Werke schrieb er in dieser späten Phase seines Schaffens bis zu seinem Tod im Jahre 1900 – unter anderem drei Oratorien.

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